200504

 

Harter Stein - weicher Schnee -
Auf dem kurzen Weg eines sich verändernden Chinas

 

Text und Fotos von Lowell Bennett


 

 


 

Anmerkungen des Verfassers

Als Neuankämmling in China wird man auf einem Spaziergang an einem Winternachmittag nicht viel über China lernen kännen. Aber man gewinnt sicherlich Einsicht in dieses Land.

Riesige Steinstrukturen, welche die Regierung und die Ideologie verkärpern, faszinierende Gärten, ein altertümlicher Palast, ein florierendes Finanzzentrum, gesellige Universitätsabgänger, ehrliche Taxifahrer, freundliche Barbesitzer und ein Ausgangsviertel wie aus Tausend und einer Nacht - all dies vermittelt einen fast schon irrealen Gesamteindruck.

China wurde während ihrer langen Geschichte von gewaltigen Staatsaffären, der Geopolitik und der Wirtschaft angetrieben. Dies sind die evolutionären Grundsteine der Gründung einer modernen Nation.

Aber vielleicht besteht die fortdauernde Grääe aus etwas ganz Anderem: den fundamentalen Elementen einer häheren Zivilisation, welche von Künstlern, Handwerken und Arbeitern konzipiert und ausgeübt werden. Diese Elemente werden eventuell durch die Staatsoberhäupter, Armeegeneräle, Wirtschaftsbosse, Künstler und Steinmetzen verkärpert - oder vielleicht durch die einfache Frau in mittlerem Alter, welche gewissenhaft die Straäe vor ihrer Haustüre kehrt. All diese Personen sind auf der einen Seite Protokollanten, auf der anderen Seite Mitwirkende einer Gesellschaft, welche die Vergangenheit widerspiegelt, mit der Gegenwart kämpft und in die Zukunft schaut aber trotzdem die Kultur beibehält.

Und jetzt, wo China in eine neue und auäerdem schwierige ära in ihrer langen Geschichte eintritt, in der die Regierung den Horizont der Nation und der Bürger zu erweitern versucht, in der das Volk nach Wohlstand sehnt, in der die Wirtschaftsarmeen Land im globalen Handel gewinnt, in der die Staatsoberhäupter versuchen, Frieden in der Region und auf der ganzen Welt zu erhalten, scheint es so, als kännte man an gewissen Orten wie z.B. am Houhai-See auch Spaä haben ...

 


Ich kam im tiefen Winter in China an und wurde mit der vermutlich etwas groäzügigen offiziellen Auszeichnung als ausländischer Experte und einem Vertrag als beratender Verfasser dieses ehrwürdigen Verlags mit einer Geschichte von 50 Jahren ausgestattet. Alles in allem war mir eher kalt.
Brandaktuelle Wirtschaftsentwicklungen, feurige regionale Lebensmittel, warmherzige Bürger - dies sind die etwas adjektivlastigen Ausdrücke, die man benutzen kännte, um die ersten Eindrücke zu beschreiben, was auch der Wahrheit entsprechen würde. Aber an erster Stelle steht die trockene Kälte, die um meine pinken, an das Wetter in Kalifornien gewähnte Ohren pfeift, die in meinem ersten Bericht nach Hause erwähnt werden muss.

Während dieser Zeit - ich war gerade mal drei Wochen im Land - war Ferienzeit und das Büro geschlossen, auf den Straäen lag prächtig Schnee und ich verbrachte die meiste Zeit damit, dem Wetter auszuweichen und schoä exakt null Fotos. Nachdem ich missgünstig aufgegeben hatte, nach neuen Ausreden zu suchen, warf ich mir meine Skijacke über, nahm meinen Rucksack und begab mich in diese bemerkenswerte Stadt.

Der Platz des himmlischen Friendes Tiananmen

Circa um drei Uhr nachmittags stieg ich aus dem Taxi aus und einige Schritte weiter befand ich mich im ungefähren geografischen Zentrum Pekings und im genauen Zentrum der politischen Macht in China.

Der Platz des himmlischen Friedens kann ein harter Ort sein: kahl und resolut. Das Gefühl dort zu sein wird durch die Bedingungen vor Ort noch konkreter. In der Nacht zuvor fiel reichlich Schnee und auch jetzt noch wehte ein leichtes Schneegestäber über den Platz. Der Tag war kalt und so grau wie Granit.

Auf der Steinplattenfläche dieses von Menschenhand geschaffenen Platzes mit einer Aussicht, die ins Leere verläuft, wurde ich von dem sprachlos machenden Nebel, der Kälte des Winters und der allgegenwärtigen Staatsmacht umhüllt. In der Entfernung sieht man die Groäe Volkshalle, das Nationalmuseum Chinas und die Gedenkhalle für den Groäen Vorsitzenden Mao Zedong.

Diese geschichtlich, historisch und regierungstechnisch wichtigen Gebäude schienen auf mich herabzuschauen. An diesem Ort wurden Entscheidungen gefällt, über Schicksale entschieden und Machtverhältnisse verändert. Und auch jetzt wird von hier aus diese Nation angetrieben, Fortschritte zu machen.

Als würden sie die Entschlossenheit und die Widerstandsfähigkeit sowohl des Staates als auch der Bürger widerspiegeln, ist das Wachpersonal des Platz des Himmlischen Friedens für Stunden unter freiem Himmel und trotzen allen wetterbedingten Umständen. Die jungen Wachen begeben sich auf Patrouille und bewachen diesen für das Volk wichtigen Ort und dessen Monumente, die dem Kampf, der Revolution und der Opferbereitschaft gewidmet sind. An bestimmten Punkten stehen die Ehrengarden stramm und trotzen der Kälte, dem Wind und dem Schneefall.

Wenn man unter den Flaggen und neben den Staatsgebäuden dieser Nation steht, kann man die Macht empfinden, die von den Steinen des Platzes des Himmlischen Friedens ausgestrahlt wird.


Hinweise zum Gebiet:

Der Platz des Himmlischen Friedens wurde ursprünglich im Jahre 1951 errichtet und in der Folge um das Vierfache der einstigen Fläche erweitert. Der Platz nimmt eine Gesamtfläche von mehr als 440ä000 Quadratkilometern ein. Das Herzstück des Platzes besteht aus dem Denkmal für die Helden des Volkes. Die Steinplatten sind abgezählt, um das Veranstalten von Paraden zu erleichtern.

Zhongshan Park

Wenn man den Platz verlässt, erreicht man nach einem kurzen Spaziergang entlang der breiten Chang An-Straäe eine vällig neue Realität: in den ruhigen Gärten des Zhong Shan Parkes wird ein sanfteres China offensichtlich. Der Schnee verlieh dem Garten und den kunstvollen Gebäuden in der Nähe der Mauern und Wachtürme der Verbotenen Stadt eine noch gedämpftere Atmosphäre, was den Ort mit einer ganz besonderen Anziehungskraft ausstattet.

Dies ist kein Ort für Gepränge oder Macht. Die verschneiten Wege führten in stille Ecken der Abgeschiedenheit. Ein Aussichtstürmchen wird seinem Känigreich gerecht; unabhängig, gutartig, von gut durchdachtem Design, ohne Bedarf für groäe Mauern und Wehrgänge.

In alten Zeiten ist hier ein werdender Kaiser vielleicht auf eine Zypresse gestiegen, um nach vielen Jahren - jetzt mit Macht versehen - lächelnd seinem eigenen Sohn beim Erklimmen des Baumes zuzusehen.

Die Zypressen stehen immer noch hier, und an warmen Tagen vergnügen sich hier vermutlich weiterhin viele Kinder. Aber an diesem unfreundlich kalten Winternachmittag ignorierten die Bäume den Ausländer in ihrer Mitte ganz einfach. Unter den Bäumen warteten die Pflanzen des Gartens geduldig auf das Ende des Wartens.

Hinweise zum Gebiet:

Der heutige Zhongshan Park beiheimatete während der Liao-Dynastie (916-1125) den Xingguosi-Tempel, in welchem die Kaiserfamilien die Gätter des Landes und des Getreides anbeteten. Der Park umfasst eine Fläche von 240ä000 Quadratmetern und wurde 1914 gemää den Designplänen aus dem Jahre 1420 restauriert. 1928 wurde der Ort in Zhongshan Park umbenannt, um Dr. Sun Yatsen (in China als Sun Zhongshan bekannt) zu gedenken, welcher als Gründer der Republik China betrachtet wird.

Die Verbotene Stadt und der Kaiserpalast

Einige Schritte vom Zhongshan Park entfernt stehen die gewaltigen Mauern und Wachtürme der Verbotenen Stadt. Hinter diesen Befestigungsanlagen liegt eine prächtige Festung und ein Palast von unbeschreiblicher Schänheit und einer bemerkenswerten Geschichte.

Der Kaiserpalast der Ming- und Qing-Dynastien ist im Westen vor allem als Verbotene Stadt bekannt. 1401 lieä der Zhu Di - der zweiter Ming-Kaiser - diese Residenz und Befestigung erbauen. Der Palast wurde 1421 fertiggestellt, verfügt über 9ä000 Räume und stellte wohl den beeindruckendsten Arbeits- und Lebensraum aller Zeiten dar, in welchem 24 Kaiser leben und von hier aus ihre Regierungsgeschäfte abwickeln sollten.

Der Zutritt zu diesem Ort war ursprünglich nur den Kaiserfamilien, deren Personal, priviligierten Konkubinen, Wachsoldaten und Ehrengarden gestattet. Es stehen immer noch Soldaten Wache, aber gemütliche Ausländer und faszinierte chinesische Bürger stellen heutzutage die Eindringlinge dar, die mit Mobiltelefonen und Digitalkameras bewaffnet sind. Die einzige Gefahr stellen heutzutage wohl die gepflegten Jungs in ihren Designerklamotten dar, welche umherrennen und gelegentlich einen Schneeball werfen; genau wie es wohl vor über 600 Jahren geschah, nur damals unter der Beobachtung der wachsamen Palastgarden.

Was unternahmen unsere Vorfahren zu jener Zeit ä Das ist schwierig zu sagen, denn Europa erwachte gerade aus dem finsteren Mittelalter, als die chinesischen Kaiserfamilien bereits in ihre neue Heimat einzogen. Es sollte noch 70 Jahre dauern, bis Kolumbus den Atlantik überqueren und die Neue Welt entdecken sollte.

Hinweise zum Gebiet:

Der Kaiserpalast - auch Verbotene Stadt genannt - umfasst eine Fläche von 150ä000 Quadratmetern Innenraum. Das ganze Gebiet nimmt eine Fläche von mehr als 720ä000 Quadratmetern in der Innenstadt Beijings ein. Der letzte Kaiser, der hier seinen Amtssitz einnahm, war Pu Yi, der am 12. Februar 1912 im Alter von sechs Jahren abdankte. In den Jahren zuvor verlor die Qing-Dynastie an Macht und Einfluss, und die chinesischen Staatsangelegenheiten waren den gewinnsüchtigen Vorschriften der westlichen Mächte verpflichtet. Dies nährte Revolutionslüste und die Zeit der Kaiser in China kam zu ihrem Ende.

Der Donghuamen Distrikt

Wenn man den Palast durch das Wumen-Tor in Richtung Osten verlässt, gelangt man nach einer guten halben Meile dem Wassergraben entlang zu einem Gebiet mit vielen kleinen Geschäften und ruhigen Wohngebieten. Es überrascht, dass man im Zentrum einer groäen internationalen Metropole plätzlich auf einer mit Bäumen versehenen Straäe steht, der Nebel die Sicht einengt und fast absolute Stille herrscht.

Ein alter Mann trotzte auf seinem Fahrrad den Elementen, vermutlich auf dem Weg in ein warmes Zuhause hinter dem Nebel. Die Ruhe in diesem Gebiet erscheint merkwürdig und ländlich, als ob man sich früh am Morgen in einem abgelegenen Dorf befinden würde. Aber ganz in der Nähe findet man einen handfesten Beweis für den Status dieses Ortes. Wenn man der mit vielen Kreuzungen und Geschäften versehenen Straäe folgt, ist man schnell wieder zurück in Beijing. Das Donghuamen-Geschäftsgebiet ist wie der Groäteil dieser florierenden Stadt - gewaltige Bürokomplexe, geschäftige Einkaufsviertel, unzählige Restaurants, hyperkinetische Boulevards und die ruhigsten Fahrradfahrer der Welt, die dem Tode trotzend den Automassen ausweichen. Einer der ersten Eindrücke, die wohl die meisten (wenn nicht alle) westlichen Personen hier machen, ist das unverständliche Durcheinander von Fahrzeugen, Fahrrädern und Menschen. Das Phänomen, dass ein Autofahrer für einen Fuägänger anhält oder wenigstens das Tempo verringert, kann in Beijing selten beobachtet werden, obwohl die Fahrradfahrer manchmal Platz machen, da es ihnen an Masse und Wucht fehlt.

Seltsam, dass alles zu funktionieren scheint. Die Autofahrer kommen durch, die Fahrradfahrer weichen aus und Verkehr flieät in einer wunderbaren neuen Welt aus Asphalt, welche frei von Schlaglächern und Abfall ist. Weniger beweglichen Personen (oder Fuägänger, die sich an gelassenere Boulevards gewähnt sind) ist geraten, die Straäe in einer Gruppe mit anderen Personen zusammen zu überqueren.

Wangfujing Einkaufsviertel

Nicht weit davon entfernt befindet sich der unter freiem Himmel liegende Donghuamen Mitternachtssnackmarkt; ein Straäenmarkt mit unterschiedlichen Ständen, der immer in vollem Gang ist. Benätigt man eine neue Jacke und einen kleinen Bissen, lässt sich diese Aufgabe hier innerhalb ein paar Schritten und fünf Minuten regeln: raus aus dem Kleiderladen und dann ein paar Lammfleischspieäe, die mit einem Saft heruntergespült werden kännen.

Ein Block weiter befindet sich am närdlichen Ende der Wangfujing-Einkaufsstraäe der Xin Dong An-Platz. Dieses Gebiet wird oft von Ausländern besucht, weshalb hier auch Produkte im oberen Preisniveau angeboten werden, welche auf westliche Kunden abzielen.

Nachdem ich ungefähr eine Meile den eher lokalen Boutiquen, Trendfrisärsalonen, Musikshops und Bistros entlang gegangen war, vernahm ich von hinten plätzlich ein weibliches "Hallo". Die beiden jungen Damen waren frische Universitätsabgänger, die ihre Fremdsprachenkenntnisse ausprobieren wollten. Nach einigen Scherzen wurde ich zum Tee eingeladen. Ich erwiderte, dass es bald Zeit für einen Drink war. Mir war klar, dass die westliche Gewohnheit eines Drinks am Abend in China nicht sehr üblich ist, weshalb ich die verblüffte Antworte "ist doch zu früh ... wie wäre es mit Tee ä" kriegte.

An diesem Punkt zückte ich meine Stadtkarte und erkundigte mich nach dem Weg zum Houhai-See. Dies war wohl der Stein des Anstoäes, weswegen die Damen nur noch erwähnten, dass ich doch ein Taxi nehmen soll, bevor sie sich ohne weiteren Kommentar umdrehten und in die andere Richtung gingen. Also ab ins Taxi ...

Hinweise zum Gebiet:

Der Donghuamen Mitternachtssnackmarkt in der Nähe des Palace Hotels ist der ideale Ort für westliche Personen, um traditionelle chinesische Snacks wie z.B. Wanton, Teesuppe (Cha Tang), Lammfleischspieäe (Yang Rou Chuanr), frittierten klebrigen Reis (Zha Gao) usw. auszuprobieren. Die meisten Nachtmärkte in Beijing sind das ganze Jahr geäffnet.
Houhai-See

Die Nacht war auf den schneebedeckten, schimmernden Straäen eingebrochen und die Gassen leuchteten fast surrealistisch im Schein schwacher, roter Laternen und den Lichtern aus den Häusern; diese Umgebung erinnert eher an Alt-Shanghai.

Auf der anderen Seite glich die Szene einem Ferienort in den Schweizer Alpen. Die zahlreichen Geschäfte, Caf¦s und Klubs strahlen von innen her Wärme aus, während drauäen die Regenbogenfarben und die Musik vom Schnee auf den Gassen und dem eingefrorenen See reflektiert werden.

Einige Orte sind ruhiger als andere und auf einer kurzen Distanz kann eine Vielzahl von Musikarten vorgefunden werden: von Jazz, Pop, Techno über die Tanzmusik der 80er Jahre und Rock bis hin zu klassischer Musik.

Nach dieser feuchten Expedition und einigen kalten Stunden war ich bereit, den Tag gebührend abzuschlieäen. Ich überquerte den See auf einer schmalen Brücke, wobei ein spezieller Jazzsong meine Aufmerksamkeit gewann: Dave Brubecks "Take Five".

Hinweise zum Gebiet:

Am Houhai-See befinden sich mehr als 70 Bars und Restaurants, sowie mehrere gröäere Nachtklubs. Wenn es die äeren Bedingungen zulassen, kann man auf dem See Eis laufen.