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Anmerkungen des Verfassers
Als Neuankämmling in China wird man
auf einem Spaziergang an einem Winternachmittag nicht viel über
China lernen kännen. Aber man gewinnt sicherlich Einsicht
in dieses Land.
Riesige Steinstrukturen, welche die Regierung
und die Ideologie verkärpern, faszinierende Gärten,
ein altertümlicher Palast, ein florierendes Finanzzentrum,
gesellige Universitätsabgänger, ehrliche Taxifahrer,
freundliche Barbesitzer und ein Ausgangsviertel wie aus Tausend
und einer Nacht - all dies vermittelt einen fast schon irrealen
Gesamteindruck.
China wurde während ihrer langen Geschichte
von gewaltigen Staatsaffären, der Geopolitik und der Wirtschaft
angetrieben. Dies sind die evolutionären Grundsteine der
Gründung einer modernen Nation.
Aber vielleicht besteht die fortdauernde
Grääe aus etwas ganz Anderem: den fundamentalen Elementen
einer häheren Zivilisation, welche von Künstlern, Handwerken
und Arbeitern konzipiert und ausgeübt werden. Diese Elemente
werden eventuell durch die Staatsoberhäupter, Armeegeneräle,
Wirtschaftsbosse, Künstler und Steinmetzen verkärpert
- oder vielleicht durch die einfache Frau in mittlerem Alter,
welche gewissenhaft die Straäe vor ihrer Haustüre kehrt.
All diese Personen sind auf der einen Seite Protokollanten, auf
der anderen Seite Mitwirkende einer Gesellschaft, welche die Vergangenheit
widerspiegelt, mit der Gegenwart kämpft und in die Zukunft
schaut aber trotzdem die Kultur beibehält.
Und jetzt, wo China in eine neue und auäerdem
schwierige ära in ihrer langen Geschichte eintritt, in der
die Regierung den Horizont der Nation und der Bürger zu erweitern
versucht, in der das Volk nach Wohlstand sehnt, in der die Wirtschaftsarmeen
Land im globalen Handel gewinnt, in der die Staatsoberhäupter
versuchen, Frieden in der Region und auf der ganzen Welt zu erhalten,
scheint es so, als kännte man an gewissen Orten wie z.B.
am Houhai-See auch Spaä haben ...
Ich kam im tiefen Winter in China an und wurde mit der vermutlich
etwas groäzügigen offiziellen Auszeichnung als ausländischer
Experte und einem Vertrag als beratender Verfasser dieses ehrwürdigen
Verlags mit einer Geschichte von 50 Jahren ausgestattet. Alles
in allem war mir eher kalt.
Brandaktuelle Wirtschaftsentwicklungen, feurige regionale Lebensmittel,
warmherzige Bürger - dies sind die etwas adjektivlastigen
Ausdrücke, die man benutzen kännte, um die ersten Eindrücke
zu beschreiben, was auch der Wahrheit entsprechen würde.
Aber an erster Stelle steht die trockene Kälte, die um meine pinken,
an das Wetter in Kalifornien gewähnte Ohren pfeift, die in meinem
ersten Bericht nach Hause erwähnt werden muss.
Während dieser Zeit - ich war gerade mal drei Wochen im Land
- war Ferienzeit und das Büro geschlossen, auf den Straäen
lag prächtig Schnee und ich verbrachte die meiste Zeit damit,
dem Wetter auszuweichen und schoä exakt null Fotos. Nachdem ich
missgünstig aufgegeben hatte, nach neuen Ausreden zu suchen,
warf ich mir meine Skijacke über, nahm meinen Rucksack und
begab mich in diese bemerkenswerte Stadt.
Der Platz des himmlischen Friendes Tiananmen
Circa um drei Uhr nachmittags stieg ich aus dem Taxi aus und
einige Schritte weiter befand ich mich im ungefähren geografischen
Zentrum Pekings und im genauen Zentrum der politischen Macht in
China.
Der Platz des himmlischen Friedens kann ein harter Ort sein:
kahl und resolut. Das Gefühl dort zu sein wird durch die
Bedingungen vor Ort noch konkreter. In der Nacht zuvor fiel reichlich
Schnee und auch jetzt noch wehte ein leichtes Schneegestäber über
den Platz. Der Tag war kalt und so grau wie Granit.
Auf der Steinplattenfläche dieses von Menschenhand geschaffenen
Platzes mit einer Aussicht, die ins Leere verläuft, wurde ich
von dem sprachlos machenden Nebel, der Kälte des Winters und der
allgegenwärtigen Staatsmacht umhüllt. In der Entfernung sieht
man die Groäe Volkshalle, das Nationalmuseum Chinas und die Gedenkhalle
für den Groäen Vorsitzenden Mao Zedong.
Diese geschichtlich, historisch und regierungstechnisch wichtigen
Gebäude schienen auf mich herabzuschauen. An diesem Ort wurden
Entscheidungen gefällt, über Schicksale entschieden und Machtverhältnisse
verändert. Und auch jetzt wird von hier aus diese Nation angetrieben,
Fortschritte zu machen.
Als würden sie die Entschlossenheit und die Widerstandsfähigkeit
sowohl des Staates als auch der Bürger widerspiegeln, ist
das Wachpersonal des Platz des Himmlischen Friedens für Stunden
unter freiem Himmel und trotzen allen wetterbedingten Umständen.
Die jungen Wachen begeben sich auf Patrouille und bewachen diesen
für das Volk wichtigen Ort und dessen Monumente, die dem
Kampf, der Revolution und der Opferbereitschaft gewidmet sind.
An bestimmten Punkten stehen die Ehrengarden stramm und trotzen
der Kälte, dem Wind und dem Schneefall.
Wenn man unter den Flaggen und neben den Staatsgebäuden dieser
Nation steht, kann man die Macht empfinden, die von den Steinen
des Platzes des Himmlischen Friedens ausgestrahlt wird.
Hinweise zum Gebiet:
Der Platz des Himmlischen Friedens wurde ursprünglich im
Jahre 1951 errichtet und in der Folge um das Vierfache der einstigen
Fläche erweitert. Der Platz nimmt eine Gesamtfläche von mehr als
440ä000 Quadratkilometern ein. Das Herzstück des Platzes
besteht aus dem Denkmal für die Helden des Volkes. Die Steinplatten
sind abgezählt, um das Veranstalten von Paraden zu erleichtern.
Zhongshan Park
Wenn man den Platz verlässt, erreicht man nach einem kurzen Spaziergang
entlang der breiten Chang An-Straäe eine vällig neue Realität:
in den ruhigen Gärten des Zhong Shan Parkes wird ein sanfteres
China offensichtlich. Der Schnee verlieh dem Garten und den kunstvollen
Gebäuden in der Nähe der Mauern und Wachtürme der Verbotenen
Stadt eine noch gedämpftere Atmosphäre, was den Ort mit einer
ganz besonderen Anziehungskraft ausstattet.
Dies ist kein Ort für Gepränge oder Macht. Die verschneiten
Wege führten in stille Ecken der Abgeschiedenheit. Ein Aussichtstürmchen
wird seinem Känigreich gerecht; unabhängig, gutartig, von gut
durchdachtem Design, ohne Bedarf für groäe Mauern und Wehrgänge.
In alten Zeiten ist hier ein werdender Kaiser vielleicht auf
eine Zypresse gestiegen, um nach vielen Jahren - jetzt mit Macht
versehen - lächelnd seinem eigenen Sohn beim Erklimmen des Baumes
zuzusehen.
Die Zypressen stehen immer noch hier, und an warmen Tagen vergnügen
sich hier vermutlich weiterhin viele Kinder. Aber an diesem unfreundlich
kalten Winternachmittag ignorierten die Bäume den Ausländer in
ihrer Mitte ganz einfach. Unter den Bäumen warteten die Pflanzen
des Gartens geduldig auf das Ende des Wartens.
Hinweise zum Gebiet:
Der heutige Zhongshan Park beiheimatete während der Liao-Dynastie
(916-1125) den Xingguosi-Tempel, in welchem die Kaiserfamilien
die Gätter des Landes und des Getreides anbeteten. Der Park umfasst
eine Fläche von 240ä000 Quadratmetern und wurde 1914 gemää
den Designplänen aus dem Jahre 1420 restauriert. 1928 wurde der
Ort in Zhongshan Park umbenannt, um Dr. Sun Yatsen (in China als
Sun Zhongshan bekannt) zu gedenken, welcher als Gründer der
Republik China betrachtet wird.
Die Verbotene Stadt und der Kaiserpalast
Einige Schritte vom Zhongshan Park entfernt stehen die gewaltigen
Mauern und Wachtürme der Verbotenen Stadt. Hinter diesen
Befestigungsanlagen liegt eine prächtige Festung und ein Palast
von unbeschreiblicher Schänheit und einer bemerkenswerten Geschichte.
Der Kaiserpalast der Ming- und Qing-Dynastien ist im Westen vor
allem als Verbotene Stadt bekannt. 1401 lieä der Zhu Di - der
zweiter Ming-Kaiser - diese Residenz und Befestigung erbauen.
Der Palast wurde 1421 fertiggestellt, verfügt über 9ä000
Räume und stellte wohl den beeindruckendsten Arbeits- und Lebensraum
aller Zeiten dar, in welchem 24 Kaiser leben und von hier aus
ihre Regierungsgeschäfte abwickeln sollten.
Der Zutritt zu diesem Ort war ursprünglich nur den Kaiserfamilien,
deren Personal, priviligierten Konkubinen, Wachsoldaten und Ehrengarden
gestattet. Es stehen immer noch Soldaten Wache, aber gemütliche
Ausländer und faszinierte chinesische Bürger stellen heutzutage
die Eindringlinge dar, die mit Mobiltelefonen und Digitalkameras
bewaffnet sind. Die einzige Gefahr stellen heutzutage wohl die
gepflegten Jungs in ihren Designerklamotten dar, welche umherrennen
und gelegentlich einen Schneeball werfen; genau wie es wohl vor
über 600 Jahren geschah, nur damals unter der Beobachtung
der wachsamen Palastgarden.
Was unternahmen unsere Vorfahren zu jener Zeit ä Das ist schwierig
zu sagen, denn Europa erwachte gerade aus dem finsteren Mittelalter,
als die chinesischen Kaiserfamilien bereits in ihre neue Heimat
einzogen. Es sollte noch 70 Jahre dauern, bis Kolumbus den Atlantik
überqueren und die Neue Welt entdecken sollte.
Hinweise zum Gebiet:
Der Kaiserpalast - auch Verbotene Stadt genannt - umfasst eine
Fläche von 150ä000 Quadratmetern Innenraum. Das ganze Gebiet
nimmt eine Fläche von mehr als 720ä000 Quadratmetern in der
Innenstadt Beijings ein. Der letzte Kaiser, der hier seinen Amtssitz
einnahm, war Pu Yi, der am 12. Februar 1912 im Alter von sechs
Jahren abdankte. In den Jahren zuvor verlor die Qing-Dynastie
an Macht und Einfluss, und die chinesischen Staatsangelegenheiten
waren den gewinnsüchtigen Vorschriften der westlichen Mächte
verpflichtet. Dies nährte Revolutionslüste und die Zeit der
Kaiser in China kam zu ihrem Ende.
Der Donghuamen Distrikt
Wenn man den Palast durch das Wumen-Tor in Richtung Osten verlässt,
gelangt man nach einer guten halben Meile dem Wassergraben entlang
zu einem Gebiet mit vielen kleinen Geschäften und ruhigen Wohngebieten.
Es überrascht, dass man im Zentrum einer groäen internationalen
Metropole plätzlich auf einer mit Bäumen versehenen Straäe steht,
der Nebel die Sicht einengt und fast absolute Stille herrscht.
Ein alter Mann trotzte auf seinem Fahrrad den Elementen, vermutlich
auf dem Weg in ein warmes Zuhause hinter dem Nebel. Die Ruhe in
diesem Gebiet erscheint merkwürdig und ländlich, als ob man
sich früh am Morgen in einem abgelegenen Dorf befinden würde.
Aber ganz in der Nähe findet man einen handfesten Beweis für
den Status dieses Ortes. Wenn man der mit vielen Kreuzungen und
Geschäften versehenen Straäe folgt, ist man schnell wieder zurück
in Beijing. Das Donghuamen-Geschäftsgebiet ist wie der Groäteil
dieser florierenden Stadt - gewaltige Bürokomplexe, geschäftige
Einkaufsviertel, unzählige Restaurants, hyperkinetische Boulevards
und die ruhigsten Fahrradfahrer der Welt, die dem Tode trotzend
den Automassen ausweichen. Einer der ersten Eindrücke, die
wohl die meisten (wenn nicht alle) westlichen Personen hier machen,
ist das unverständliche Durcheinander von Fahrzeugen, Fahrrädern
und Menschen. Das Phänomen, dass ein Autofahrer für einen
Fuägänger anhält oder wenigstens das Tempo verringert, kann in
Beijing selten beobachtet werden, obwohl die Fahrradfahrer manchmal
Platz machen, da es ihnen an Masse und Wucht fehlt.
Seltsam, dass alles zu funktionieren scheint. Die Autofahrer
kommen durch, die Fahrradfahrer weichen aus und Verkehr flieät
in einer wunderbaren neuen Welt aus Asphalt, welche frei von Schlaglächern
und Abfall ist. Weniger beweglichen Personen (oder Fuägänger,
die sich an gelassenere Boulevards gewähnt sind) ist geraten,
die Straäe in einer Gruppe mit anderen Personen zusammen zu überqueren.
Wangfujing Einkaufsviertel
Nicht weit davon entfernt befindet sich der unter freiem Himmel
liegende Donghuamen Mitternachtssnackmarkt; ein Straäenmarkt mit
unterschiedlichen Ständen, der immer in vollem Gang ist. Benätigt
man eine neue Jacke und einen kleinen Bissen, lässt sich diese
Aufgabe hier innerhalb ein paar Schritten und fünf Minuten
regeln: raus aus dem Kleiderladen und dann ein paar Lammfleischspieäe,
die mit einem Saft heruntergespült werden kännen.
Ein Block weiter befindet sich am närdlichen Ende der Wangfujing-Einkaufsstraäe
der Xin Dong An-Platz. Dieses Gebiet wird oft von Ausländern besucht,
weshalb hier auch Produkte im oberen Preisniveau angeboten werden,
welche auf westliche Kunden abzielen.
Nachdem ich ungefähr eine Meile den eher lokalen Boutiquen, Trendfrisärsalonen,
Musikshops und Bistros entlang gegangen war, vernahm ich von hinten
plätzlich ein weibliches "Hallo". Die beiden jungen
Damen waren frische Universitätsabgänger, die ihre Fremdsprachenkenntnisse
ausprobieren wollten. Nach einigen Scherzen wurde ich zum Tee
eingeladen. Ich erwiderte, dass es bald Zeit für einen Drink
war. Mir war klar, dass die westliche Gewohnheit eines Drinks
am Abend in China nicht sehr üblich ist, weshalb ich die
verblüffte Antworte "ist doch zu früh ... wie wäre
es mit Tee ä" kriegte.
An diesem Punkt zückte ich meine Stadtkarte und erkundigte
mich nach dem Weg zum Houhai-See. Dies war wohl der Stein des
Anstoäes, weswegen die Damen nur noch erwähnten, dass ich doch
ein Taxi nehmen soll, bevor sie sich ohne weiteren Kommentar umdrehten
und in die andere Richtung gingen. Also ab ins Taxi ...
Hinweise zum Gebiet:
Der Donghuamen Mitternachtssnackmarkt in der Nähe des Palace
Hotels ist der ideale Ort für westliche Personen, um traditionelle
chinesische Snacks wie z.B. Wanton, Teesuppe (Cha Tang), Lammfleischspieäe
(Yang Rou Chuanr), frittierten klebrigen Reis (Zha Gao) usw. auszuprobieren.
Die meisten Nachtmärkte in Beijing sind das ganze Jahr geäffnet.
Houhai-See
Die Nacht war auf den schneebedeckten, schimmernden Straäen eingebrochen
und die Gassen leuchteten fast surrealistisch im Schein schwacher,
roter Laternen und den Lichtern aus den Häusern; diese Umgebung
erinnert eher an Alt-Shanghai.
Auf der anderen Seite glich die Szene einem Ferienort in den
Schweizer Alpen. Die zahlreichen Geschäfte, Caf¦s und Klubs
strahlen von innen her Wärme aus, während drauäen die Regenbogenfarben
und die Musik vom Schnee auf den Gassen und dem eingefrorenen
See reflektiert werden.
Einige Orte sind ruhiger als andere und auf einer kurzen Distanz
kann eine Vielzahl von Musikarten vorgefunden werden: von Jazz,
Pop, Techno über die Tanzmusik der 80er Jahre und Rock bis
hin zu klassischer Musik.
Nach dieser feuchten Expedition und einigen kalten Stunden war
ich bereit, den Tag gebührend abzuschlieäen. Ich überquerte
den See auf einer schmalen Brücke, wobei ein spezieller Jazzsong
meine Aufmerksamkeit gewann: Dave Brubecks "Take Five".
Hinweise zum Gebiet:
Am Houhai-See befinden sich mehr als 70 Bars und Restaurants,
sowie mehrere gröäere Nachtklubs. Wenn es die äeren Bedingungen
zulassen, kann man auf dem See Eis laufen.
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