200505
Eine westliche Perspektive

 

Beobachtungen und Kommentare von Lowell Bennett

 

 


 

 


 

 

Anmerkungen des Verfassers

Für mich sind sie wie zwei Schwestern. Die ältere ist elegant, gebildet, stolz, diszipliniert, ehrfürchtig vor ihrer Vergangenheit und behutsam mit ihrer Zukunft. Sie ist das Rückgrat der Familie. Die jüngere ist wie ein sich erholendes schwarzes Schaf. In der Vergangenheit wurde während häflicher Familiengespräche nicht über diese Schwester gesprochen. Sie erlebte wilde Zeiten und unrühmliche Techtelmechtel und bekam ärger. Manchmal wurde es der älteren Schwester zu viel.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die jüngere Schwester hat sich die Härner abgestoäen und wurde verantwortlicher. Sie ist wieder ein Teil der Familie, so dass diese wieder vollständig und glücklich ist. Eigentlich bestand ja nie der Zweifel, dass sie nicht zurückkehren würde, da sie auch einen speziellen Platz in der Nähe des Herzen ihrer Mutter einnimmt.

Glücklicherweise verwerfen groäe Städte - ähnlich wie starke Schwestern - ihre Vergangenheit nie ganz. Beijing bleibt die korrektere und diszipliniertere Stadt, was sie auf diese Weise sehr reizend macht, während Shanghai ganz einfach faszinierend ist.

Die funkelnde Partnerstadt -
Shanghai

Nach einer anstrengenden Taxifahrt im Stau vom neueren Flughafen der Stadt in der sich schnell entwickelnden Pudong-Zone stieg ich gegen 7 Uhr morgens vor dem Ritz Carlton Hotel, welches auch als Portman bekannt ist, aus dem Taxi aus. Mir fielen spontan zwei Dinge auf: die Stadt ist gefüllt mit Autos und westlichen Personen.

Natürlich befand ich mich gerade in dem Teil der Stadt, der besonders damit gefüllt ist. In der Nanjing-Straäe stehen protzige Boutiquen, funkelnde Einkaufshäuser, riesige Bürogebäude und teure Hotels aneinander.

Das Ritz Carlton Portman ist eines dieser teuren Hotels und bietet Zimmer mit Preisen von 225$ aufwärts pro Nacht an, weshalb ich nicht dort übernachten sollte. Mir wurde ein Zimmer in einem weniger erhabenen Hotel in einem weniger von Geschäftemacherei angetriebenen Teil der Stadt gebucht. Ich hatte mich nur an diesen Ort begeben, weil ich erstens zu spät dran war für ein Treffen mit einem Bekannten, dessen Büro in der Nähe dieses Hotels liegt.

Dr. Ira Kasoff, Abgänger der Harvard Universität, der auch einen Doktortitel im Studiengang Ostasien der Universität Princeton besitzt, ist Chef der Wirtschaftsabteilung des US Konsulats in Shanghai. Seine berufliche und persänliche Geschichte mit China begann vor über 20 Jahren. Er spricht Mandarin wie eine Muttersprache, hat mehrere Bücher über die Kultur und das Geschäftswesen in China herausgegeben oder an der Veräffentlichung mitgearbeitet. Als Ansprechperson für US Firmen, die in diesem Teil der Erde eine Niederlasssung eräffnen mächten, kännte er als groäes Tier bezeichnet werden.

Seine ersten Anweisungen waren von rückwirkender Natur. "Du hättest nach Hongqiao fliegen sollen, da der ältere Flughafen näher am Stadtzentrum liegt. Auäerdem hättest du einen früheren Flug nehmen sollen, um den Stoäverkehr zu vermeiden". Diese Option hatte ich leider nicht, weil ich kurzfristig über diese Reise informiert worden war, so dass ich lediglich zum neueren aber entfernteren Flughafen fliegen konnte. Und wenn mein Flughafen nicht zwei Stunden Verspätung gehabt hätte, wäre ich auch nicht in den Stoäverkehr geraten. Trotzdem hielt ich es nicht für angemessen, meine verspätete Ankunft mit diesen banalen Rechtfertigungen zu erklären. Stattdessen lieä ich ihn die Rechnung für das Abendessen bezahlen.

Das Essen war sein Geld wert. Diese Mahlzeit - meine erste westliche Mahlzeit seit meiner Ankunft vor knapp zwei Monaten in China - nahmen wir in der Nähe des Portman Hotels im "Pasti" ein. Dabei handelt es sich um ein kleines gehobenes italienisches Caf¦, welches in der Xikang-Straäe liegt und - gemessen am westlichen Standard - vernünftige Preise verlangt. Die Pasta, die Meeresfrüchte und der Haus-Chianti waren exzellent. Was aus der Betrachterperspektive als noch wichtiger empfunden werden kännte, war, dass die Hälfte der lediglich 15 Plätze in diesem Restaurant von attraktiven jungen Damen - sowohl chinesisch als auch westlich - besetzt war. Auf diese Weise bekam Shanghai von mir gute Noten für schmackhaftes Essen und attraktive Einwohner verliehen.

Dr. Ira arbeitete in den Mittachtzigern für die US Wirtschaftsabteilung in Shanghai und kehrte später in jenem Jahrzehnt als Privatwirtschaftsberater zurück. Nach ein paar Jahren zog es ihn wieder zur Wirtschaftsabteilung, und in den nächsten 15 Jahren nahm er Stellen an verschiedenen Orten auf der Welt an. 2004 kehrte er mit seiner Frau und seiner jetzt 11 Jahre alten Tochter nach Shanghai zurück. Es war, als wäre eine neue Stadt in diesem Teil Chinas aus dem Boden gestampft worden.

"Alles war immer noch ziemlich kniffelig", erklärt Dr. Isa. "Die Stadt hatte noch nicht mit der Entwicklung begonnen. Kulturell war die Stadt irgendwie abgeschottet. Geschäfte zu machen war nicht immer einfach und alte, heruntergekommene Gebäude machten einen Groäteil dieses Gebiets aus. Wo einst eine ziemlich baufällige Stadtinfrastruktur mit abgeschottenen internationalen Aussichten war, stand plätzlich eine moderne Metropole, die offensichtlich der Welt Toren und Pforten weit geäffnet hatte. Der erste kulturelle Anlass, den wir nach unserer Rückkehr besuchten, war eine Aufführung der Tänzergruppe Alvin Ailey im neuen Shanghai Grand Theatre. Das war eine Weltklassevorführung, von der man in alten Zeiten noch nicht einmal im entferntesten hätte träumen kännen.

Während des Abendessens benutzte Dr. Ira mehrere Male sein Mobiltelefon, um mit seiner Tochter zu kommunizieren, welche laut seiner Aussage zwar erst 11 Jahre alt ist, aber schnell auf die 16 zugeht. Seine Frau war ebenfalls ausgegangen und die "Ayi" (Kindermädchen) passte auf die Tochter auf. Dies machte den Eindruck, als sei Dr. Ira ein etwas vernarrter Vater. Ich fragte ihn, wie es sei, eine Familie in einer asiatischen Metropole fernab von der Heimat zu gründen und aufzubringen. "Glücklicherweise ist Shanghai eine extrem weltoffene Stadt, so dass meine Frau das Leben hier liebt. Für meine Tochter ist es auäerdem eine groäe Erfahrung, da sie schon früh der ganzen Welt ausgesetzt wird, Mandarin aufgreift, viele Freunde hat, während die Stadt sehr sicher ist - wenn man auf den Verkehr achtet. Sie beklagt sich eigentlich nur darüber, dass wir ihr es nicht erlauben, gefälschte DVDs zu kaufen"

Nach dem Essen kehrte Dr. Ira zu seiner Familie zurück, während ich - nach einer kurzen Pause im Hotel - in diese dynamische, komplexe und ausgedehnte Stadt zurückkehrte. Shanghai ist riesig: die Stadt nimmt eine Fläche von 6ä340 Quadratkilometern ein und beheimatet 13.5 Millionen Menschen. Shanghai ist somit ungefähr achtmal grääer als New York mit einer Bevälkerung von 8 Millionen Menschen. In zwei kurzen Tagen kann man nicht einmal davon träumen, die Kultur oder die Landschaft genauer kennen zu lernen. Aber an einem Wochenende kann die gewaltige Veränderung, die hier in der Vergangeneheit vorgenommen wurden, und die fortwährende Entwicklung spüren.

Massive und neue Bürogebäude so wie florierende Handelszonen umschlingen kleinere traditionelle Nachbarschaften. Modische Einwohner und gut betuchte Expats sitzen eng aneinander in gehobenen Caf¦s und Trendbars. Ans Fahrrad gebundene lokale Unternehmer kämpfen mit Wirtschaftsgrääen in ihren Mercedes um Platz auf der Straäe. Wenn man zum Beispiel das Starbucks Caf¦ verlässt und die Straäe überquert, findet man sich mäglicherweise plätzlich auf einem Erdgeschoämarkt für (noch) lebende Meeresfrüchte wieder, auf welchem für Jahrzehnte Fische zubereitet wurden, deren Geschmack dem westlichen Gaumen vällig fremd ist.

Es ist mäglich, dass man eine hyperkinetische, ultramoderne Geschäftsstraäe entlang läuft, dann in eine enge Gasse einbiegt und sich 15 Sekunden später in einer vällig anderen Welt wiederfindet. Abgeschirmt vom Lärm, den Staus und dem florierenden Handel verläuft das Leben in diesen ruhigen Nachbarschaften wohl so wie schon vor hundert Jahren. Die Hausfrauen trocknen ihre Wäsche im Freien, klopfen Teppiche und legen desäfteren eine Pause ein, um mit den Nachbarn zu quatschen und Witze zu reissen. Einem westlichen Eindringling wird nicht viel Aufmerksamkeit gewährt: vielleicht wird einem kurz zugelächelt, dann wird man ignoriert.

Auäerhalb dieser Nachbarschaften ist der Verkehr stockend, aber die Straäen, auf denen die Autos rollen, sind modern, glatt und sauber. Im Vergleich mit den meisten US Städten ist die Polizeipräsenz relativ gering. Dies funktioniert prima, denn der Groäraum Shanghais ist äuäerst bürgerlich.

Wie auch immer kännte man folgende, manchmal etwas lästige Gewohnheit falsch interpretieren: chinesische Fahrer lieben es zu hupen. Sowohl in Beijing als auch Shanghai findet ein Nonstopphupkonzert statt. Nicht so wie im Westen, wo Hupen einer Beleidigung gleichkommt, hupt man in China aus Sicherheitsgründen - in den meisten Fällen wenigstens, da zum Beispiel nicht der Fahrer, der in eine andere Spur einbiegt, auf die Sicherheit achtet, sondern mehr der Fahrer, in dessen Spur gerade eingebogen wird. Des Weiteren werden Zebrastreifen nicht unbedingt als sichere Zonen für Fuägänger betrachtet. Aus diesem Grund härt man als Fuägänger oft "Pass bloä auf, ich komme" Huptäne; vorgetragen im schänsten Staccato. Ausserdem gibt es den andauernden "Pass verdammt noch mal auf" Hupangriff, der vor allem von Fahrern eingesetzt wird, die schneller unterwegs sind, mit dem Ziel, nachdrückliche Fuägänger zu entmutigen.

Immerhin stellt Shanghai für westliche Personen ein sicheres Gebiet dar, wenn es zu kulinarischen Gewohnheiten wie Kaffee kommt. In dieser Nation von Grünteetrinkern ist es sonst nicht immer einfach, eine Portion Koffein zu finden. In Shanghai jedoch sieht man an allen Ecken und Enden selbständige Caf¦s und Geschäfte, die das schwarze Gold anbieten. Auäerdem expandiert Starbucks vom Stadtzentrum in Richtung Stadtrand (ob dies nun eine positive oder negative Entwicklung ist, darf der Leser entscheiden).

Am ersten Morgen kam ich in den Genuss eines guten und starken "Americano" in einem bähmischen Caf¦, in welchem auch kostenlos drahtlose Internetzugangspunkte für Laptopbesitzer angeboten wird. Am nächsten genoss ich einen Kaffee in der Nähe meines Hotels in einem gehobeneren Tee- und Kaffeehaus mit Bäckerei. Ich probierte den "House Deluxe" und stellte positiv überrascht fest, dass es sich dabei um einen extrem gut gemachten, schaumigen doppelten Espresso handelte. Mir gegenüber sass eine elegante Dame, auf deren Tisch eine Kanne Tee stand. Sie arbeitete intensiv an ihrem neuartigen Laptop. Ich hätte mich genauso gut in einer North Beach Nachbarschaft in San Francisco befinden kännen, wobei es sich offiziell um die Partnerstadt Shanghais handelt (ein Abkommen, dass anscheinend lediglich das Ziel hat, den Bürgermeistern von San Francisco vom Steuerzahler bezahlte Chinavergnügungsreisen zu ermäglichen).

Früh am nächsten Morgen erkundschaftete ich die Boutiquen, Caf¦s und das Clubviertel in der Dongping-Straäe, nicht weit weg von meinem Hotel in einem Gebiet, das heute kurioserweise immer noch als Franzäsische Konzession betitelt wird - ein überbleibsel aus Kolonialzeiten, als Shanghai mit dem Westen liebäugelte. Ich versuchte die Zeit bis zum Sonnenuntergang totzuschlagen und kam aus Zufall zu einem in englischem Stil erbauten Pub, welches sich in einem restaurierten Ziegelsteingebäude befindet.

Es war eine gute Wahl. "Oscaräs" - nicht weit weg von Dongping an der Kreuzung der Fuxing-Straäe und der Baoqing-Straäe - ist ein bürgerliches und elegantes Etablissement, welches von gut betuchten und belesenen Expats besucht wird. Während dieser Stunden genoss ich ein paar Jack Danieläs (ohne Eis) und führte ein regsames Gespräch mit einem Amerikaner, einem Australier, einem Kanadier und einem Irem, alle zwischen 30 und 62 Jahre alt, bei denen es sich um intelligente Personen handelt, welche über das Weltgeschehen genauso gut informiert sind wie jede andere Gruppe, der ich je begegnet bin. Da ein Fremder sich in ihre Ecke der Bar begab, liessen sie ihr sonst übliches Verbot fallen, über Weltpolitik zu sprechen, so dass wir regsam über dieses Thema diskutierten.

Und obwohl an diesem Fünf-Männer-Cocktail-Gipfeltreffen eine Reihe an Ideologien (oder das Fehlen dieser) ausgemacht werden konnten, waren wir im Bereich der sino-amerikanischen Dynamik, des strategischen Manävrierens und verschiedener inländischer als auch internationaler Leistungen der jeweiligen Regierungen einer Meinung.