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Anmerkungen des Verfassers
Für mich sind sie wie zwei Schwestern. Die ältere ist elegant,
gebildet, stolz, diszipliniert, ehrfürchtig vor ihrer Vergangenheit
und behutsam mit ihrer Zukunft. Sie ist das Rückgrat der
Familie. Die jüngere ist wie ein sich erholendes schwarzes
Schaf. In der Vergangenheit wurde während häflicher Familiengespräche
nicht über diese Schwester gesprochen. Sie erlebte wilde
Zeiten und unrühmliche Techtelmechtel und bekam ärger. Manchmal
wurde es der älteren Schwester zu viel.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Die jüngere Schwester
hat sich die Härner abgestoäen und wurde verantwortlicher. Sie
ist wieder ein Teil der Familie, so dass diese wieder vollständig
und glücklich ist. Eigentlich bestand ja nie der Zweifel,
dass sie nicht zurückkehren würde, da sie auch einen
speziellen Platz in der Nähe des Herzen ihrer Mutter einnimmt.
Glücklicherweise verwerfen groäe Städte - ähnlich wie starke
Schwestern - ihre Vergangenheit nie ganz. Beijing bleibt die korrektere
und diszipliniertere Stadt, was sie auf diese Weise sehr reizend
macht, während Shanghai ganz einfach faszinierend ist.
Die funkelnde Partnerstadt -
Shanghai
Nach einer anstrengenden Taxifahrt im Stau vom neueren Flughafen
der Stadt in der sich schnell entwickelnden Pudong-Zone stieg
ich gegen 7 Uhr morgens vor dem Ritz Carlton Hotel, welches auch
als Portman bekannt ist, aus dem Taxi aus. Mir fielen spontan
zwei Dinge auf: die Stadt ist gefüllt mit Autos und westlichen
Personen.
Natürlich befand ich mich gerade in dem Teil der Stadt,
der besonders damit gefüllt ist. In der Nanjing-Straäe stehen
protzige Boutiquen, funkelnde Einkaufshäuser, riesige Bürogebäude
und teure Hotels aneinander.
Das Ritz Carlton Portman ist eines dieser teuren Hotels und bietet
Zimmer mit Preisen von 225$ aufwärts pro Nacht an, weshalb ich
nicht dort übernachten sollte. Mir wurde ein Zimmer in einem
weniger erhabenen Hotel in einem weniger von Geschäftemacherei
angetriebenen Teil der Stadt gebucht. Ich hatte mich nur an diesen
Ort begeben, weil ich erstens zu spät dran war für ein Treffen
mit einem Bekannten, dessen Büro in der Nähe dieses Hotels
liegt.
Dr. Ira Kasoff, Abgänger der Harvard Universität, der auch einen
Doktortitel im Studiengang Ostasien der Universität Princeton
besitzt, ist Chef der Wirtschaftsabteilung des US Konsulats in
Shanghai. Seine berufliche und persänliche Geschichte mit China
begann vor über 20 Jahren. Er spricht Mandarin wie eine Muttersprache,
hat mehrere Bücher über die Kultur und das Geschäftswesen
in China herausgegeben oder an der Veräffentlichung mitgearbeitet.
Als Ansprechperson für US Firmen, die in diesem Teil der
Erde eine Niederlasssung eräffnen mächten, kännte er als groäes
Tier bezeichnet werden.
Seine ersten Anweisungen waren von rückwirkender Natur.
"Du hättest nach Hongqiao fliegen sollen, da der ältere Flughafen
näher am Stadtzentrum liegt. Auäerdem hättest du einen früheren
Flug nehmen sollen, um den Stoäverkehr zu vermeiden". Diese
Option hatte ich leider nicht, weil ich kurzfristig über
diese Reise informiert worden war, so dass ich lediglich zum neueren
aber entfernteren Flughafen fliegen konnte. Und wenn mein Flughafen
nicht zwei Stunden Verspätung gehabt hätte, wäre ich auch nicht
in den Stoäverkehr geraten. Trotzdem hielt ich es nicht für
angemessen, meine verspätete Ankunft mit diesen banalen Rechtfertigungen
zu erklären. Stattdessen lieä ich ihn die Rechnung für das
Abendessen bezahlen.
Das Essen war sein Geld wert. Diese Mahlzeit - meine erste westliche
Mahlzeit seit meiner Ankunft vor knapp zwei Monaten in China -
nahmen wir in der Nähe des Portman Hotels im "Pasti"
ein. Dabei handelt es sich um ein kleines gehobenes italienisches
Caf¦, welches in der Xikang-Straäe liegt und - gemessen
am westlichen Standard - vernünftige Preise verlangt. Die
Pasta, die Meeresfrüchte und der Haus-Chianti waren exzellent.
Was aus der Betrachterperspektive als noch wichtiger empfunden
werden kännte, war, dass die Hälfte der lediglich 15 Plätze in
diesem Restaurant von attraktiven jungen Damen - sowohl chinesisch
als auch westlich - besetzt war. Auf diese Weise bekam Shanghai
von mir gute Noten für schmackhaftes Essen und attraktive
Einwohner verliehen.
Dr. Ira arbeitete in den Mittachtzigern für die US Wirtschaftsabteilung
in Shanghai und kehrte später in jenem Jahrzehnt als Privatwirtschaftsberater
zurück. Nach ein paar Jahren zog es ihn wieder zur Wirtschaftsabteilung,
und in den nächsten 15 Jahren nahm er Stellen an verschiedenen
Orten auf der Welt an. 2004 kehrte er mit seiner Frau und seiner
jetzt 11 Jahre alten Tochter nach Shanghai zurück. Es war,
als wäre eine neue Stadt in diesem Teil Chinas aus dem Boden gestampft
worden.
"Alles war immer noch ziemlich kniffelig", erklärt
Dr. Isa. "Die Stadt hatte noch nicht mit der Entwicklung
begonnen. Kulturell war die Stadt irgendwie abgeschottet. Geschäfte
zu machen war nicht immer einfach und alte, heruntergekommene
Gebäude machten einen Groäteil dieses Gebiets aus. Wo einst eine
ziemlich baufällige Stadtinfrastruktur mit abgeschottenen internationalen
Aussichten war, stand plätzlich eine moderne Metropole, die offensichtlich
der Welt Toren und Pforten weit geäffnet hatte. Der erste kulturelle
Anlass, den wir nach unserer Rückkehr besuchten, war eine
Aufführung der Tänzergruppe Alvin Ailey im neuen Shanghai
Grand Theatre. Das war eine Weltklassevorführung, von der
man in alten Zeiten noch nicht einmal im entferntesten hätte träumen
kännen.
Während des Abendessens benutzte Dr. Ira mehrere Male sein Mobiltelefon,
um mit seiner Tochter zu kommunizieren, welche laut seiner Aussage
zwar erst 11 Jahre alt ist, aber schnell auf die 16 zugeht. Seine
Frau war ebenfalls ausgegangen und die "Ayi" (Kindermädchen)
passte auf die Tochter auf. Dies machte den Eindruck, als sei
Dr. Ira ein etwas vernarrter Vater. Ich fragte ihn, wie es sei,
eine Familie in einer asiatischen Metropole fernab von der Heimat
zu gründen und aufzubringen. "Glücklicherweise
ist Shanghai eine extrem weltoffene Stadt, so dass meine Frau
das Leben hier liebt. Für meine Tochter ist es auäerdem eine
groäe Erfahrung, da sie schon früh der ganzen Welt ausgesetzt
wird, Mandarin aufgreift, viele Freunde hat, während die Stadt
sehr sicher ist - wenn man auf den Verkehr achtet. Sie beklagt
sich eigentlich nur darüber, dass wir ihr es nicht erlauben,
gefälschte DVDs zu kaufen"
Nach dem Essen kehrte Dr. Ira zu seiner Familie zurück,
während ich - nach einer kurzen Pause im Hotel - in diese dynamische,
komplexe und ausgedehnte Stadt zurückkehrte. Shanghai ist
riesig: die Stadt nimmt eine Fläche von 6ä340 Quadratkilometern
ein und beheimatet 13.5 Millionen Menschen. Shanghai ist somit
ungefähr achtmal grääer als New York mit einer Bevälkerung von
8 Millionen Menschen. In zwei kurzen Tagen kann man nicht einmal
davon träumen, die Kultur oder die Landschaft genauer kennen zu
lernen. Aber an einem Wochenende kann die gewaltige Veränderung,
die hier in der Vergangeneheit vorgenommen wurden, und die fortwährende
Entwicklung spüren.
Massive und neue Bürogebäude so wie florierende Handelszonen
umschlingen kleinere traditionelle Nachbarschaften. Modische Einwohner
und gut betuchte Expats sitzen eng aneinander in gehobenen Caf¦s
und Trendbars. Ans Fahrrad gebundene lokale Unternehmer kämpfen
mit Wirtschaftsgrääen in ihren Mercedes um Platz auf der Straäe.
Wenn man zum Beispiel das Starbucks Caf¦ verlässt und die
Straäe überquert, findet man sich mäglicherweise plätzlich
auf einem Erdgeschoämarkt für (noch) lebende Meeresfrüchte
wieder, auf welchem für Jahrzehnte Fische zubereitet wurden,
deren Geschmack dem westlichen Gaumen vällig fremd ist.
Es ist mäglich, dass man eine hyperkinetische, ultramoderne Geschäftsstraäe
entlang läuft, dann in eine enge Gasse einbiegt und sich 15 Sekunden
später in einer vällig anderen Welt wiederfindet. Abgeschirmt
vom Lärm, den Staus und dem florierenden Handel verläuft das Leben
in diesen ruhigen Nachbarschaften wohl so wie schon vor hundert
Jahren. Die Hausfrauen trocknen ihre Wäsche im Freien, klopfen
Teppiche und legen desäfteren eine Pause ein, um mit den Nachbarn
zu quatschen und Witze zu reissen. Einem westlichen Eindringling
wird nicht viel Aufmerksamkeit gewährt: vielleicht wird einem
kurz zugelächelt, dann wird man ignoriert.
Auäerhalb dieser Nachbarschaften ist der Verkehr stockend, aber
die Straäen, auf denen die Autos rollen, sind modern, glatt und
sauber. Im Vergleich mit den meisten US Städten ist die Polizeipräsenz
relativ gering. Dies funktioniert prima, denn der Groäraum Shanghais
ist äuäerst bürgerlich.
Wie auch immer kännte man folgende, manchmal etwas lästige Gewohnheit
falsch interpretieren: chinesische Fahrer lieben es zu hupen.
Sowohl in Beijing als auch Shanghai findet ein Nonstopphupkonzert
statt. Nicht so wie im Westen, wo Hupen einer Beleidigung gleichkommt,
hupt man in China aus Sicherheitsgründen - in den meisten
Fällen wenigstens, da zum Beispiel nicht der Fahrer, der in eine
andere Spur einbiegt, auf die Sicherheit achtet, sondern mehr
der Fahrer, in dessen Spur gerade eingebogen wird. Des Weiteren
werden Zebrastreifen nicht unbedingt als sichere Zonen für
Fuägänger betrachtet. Aus diesem Grund härt man als Fuägänger
oft "Pass bloä auf, ich komme" Huptäne; vorgetragen
im schänsten Staccato. Ausserdem gibt es den andauernden "Pass
verdammt noch mal auf" Hupangriff, der vor allem von Fahrern
eingesetzt wird, die schneller unterwegs sind, mit dem Ziel, nachdrückliche
Fuägänger zu entmutigen.
Immerhin stellt Shanghai für westliche Personen ein sicheres
Gebiet dar, wenn es zu kulinarischen Gewohnheiten wie Kaffee kommt.
In dieser Nation von Grünteetrinkern ist es sonst nicht immer
einfach, eine Portion Koffein zu finden. In Shanghai jedoch sieht
man an allen Ecken und Enden selbständige Caf¦s und Geschäfte,
die das schwarze Gold anbieten. Auäerdem expandiert Starbucks
vom Stadtzentrum in Richtung Stadtrand (ob dies nun eine positive
oder negative Entwicklung ist, darf der Leser entscheiden).
Am ersten Morgen kam ich in den Genuss eines guten und starken
"Americano" in einem bähmischen Caf¦, in welchem
auch kostenlos drahtlose Internetzugangspunkte für Laptopbesitzer
angeboten wird. Am nächsten genoss ich einen Kaffee in der Nähe
meines Hotels in einem gehobeneren Tee- und Kaffeehaus mit Bäckerei.
Ich probierte den "House Deluxe" und stellte positiv
überrascht fest, dass es sich dabei um einen extrem gut gemachten,
schaumigen doppelten Espresso handelte. Mir gegenüber sass
eine elegante Dame, auf deren Tisch eine Kanne Tee stand. Sie
arbeitete intensiv an ihrem neuartigen Laptop. Ich hätte mich
genauso gut in einer North Beach Nachbarschaft in San Francisco
befinden kännen, wobei es sich offiziell um die Partnerstadt Shanghais
handelt (ein Abkommen, dass anscheinend lediglich das Ziel hat,
den Bürgermeistern von San Francisco vom Steuerzahler bezahlte
Chinavergnügungsreisen zu ermäglichen).
Früh am nächsten Morgen erkundschaftete ich die Boutiquen,
Caf¦s und das Clubviertel in der Dongping-Straäe, nicht
weit weg von meinem Hotel in einem Gebiet, das heute kurioserweise
immer noch als Franzäsische Konzession betitelt wird - ein überbleibsel
aus Kolonialzeiten, als Shanghai mit dem Westen liebäugelte. Ich
versuchte die Zeit bis zum Sonnenuntergang totzuschlagen und kam
aus Zufall zu einem in englischem Stil erbauten Pub, welches sich
in einem restaurierten Ziegelsteingebäude befindet.
Es war eine gute Wahl. "Oscaräs" - nicht weit
weg von Dongping an der Kreuzung der Fuxing-Straäe und der Baoqing-Straäe
- ist ein bürgerliches und elegantes Etablissement, welches
von gut betuchten und belesenen Expats besucht wird. Während dieser
Stunden genoss ich ein paar Jack Danieläs (ohne Eis) und
führte ein regsames Gespräch mit einem Amerikaner, einem
Australier, einem Kanadier und einem Irem, alle zwischen 30 und
62 Jahre alt, bei denen es sich um intelligente Personen handelt,
welche über das Weltgeschehen genauso gut informiert sind
wie jede andere Gruppe, der ich je begegnet bin. Da ein Fremder
sich in ihre Ecke der Bar begab, liessen sie ihr sonst übliches
Verbot fallen, über Weltpolitik zu sprechen, so dass wir
regsam über dieses Thema diskutierten.
Und obwohl an diesem Fünf-Männer-Cocktail-Gipfeltreffen
eine Reihe an Ideologien (oder das Fehlen dieser) ausgemacht werden
konnten, waren wir im Bereich der sino-amerikanischen Dynamik,
des strategischen Manävrierens und verschiedener inländischer
als auch internationaler Leistungen der jeweiligen Regierungen
einer Meinung.
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