Kreative Hauptstadt: Beijing holt auf

Text: Huang Liwei





 
 

Die sogenannte kreative Industrie wird heute in Beijing nicht nur als Indikator des sozialen Fortschritts, sondern auch als Motor des Wirtschaftswachstums und sogar als Wahrzeichen dieser Stadt mit mehreren tausend Jahren Geschichte gehandelt. Das bedeutet, dass sich der Schwerpunkt der Wirtschaft schon länger auf Dienstleistungsbetriebe verlagert hat. Von den 10 Millionen Einwohnern des Stadtgebietes sind ungefähr 900.000 in der kreativen Industrie tätig. Darunter können alle Jobs fallen, in denen Talent, Geschick und Schaffenskraft Gewinn lukrieren und die allgemeine Lebensumwelt bereichern. Industriezweige sind z.B. Werbung, Architektur, Kunst, Antiquitäten, Mode, Filme, Software und Computer, Musik und Theater, Medien und Verlage, aber auch Tourismus, Museen und Gallerien, kulturelle Traditionen und Sport.
Während Hongkong, Taiwan und Shanghai schon länger als Zentren der kreativen Industrie angesehen werden, wird dieser Sektor in Beijing erst seit Dezember 2005 offiziell gefördert. Seither hat sich das Segment jedoch sehr schnell vergrößert. Der gesamte Umsatz der kreativen Industrie der Hauptststadt wurde für das Jahr 2007 mit 726 Milliarden Yuan angegeben, mit einer Steigerungsrate von 17,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Einkünfte beliefen sich auf 460,16 Milliarden, 27,3 % mehr als im Vorjahr. Der Gesamtmehrwert war 99,26 Milliarden, das sind 10,6 Prozent des in Beijing 2007 erzeugten Mehrwerts. Erzielte Profite betrugen 21,62 Milliarden Yuan, 50,7 Prozent mehr als im Vorjahr, und 21,67 Milliarden Yuan wurden an Stuergeldern bezahlt, das ist eine Steigerung von 28,3 Prozent. Die kreative Industrie ist somit eine wichtige Säule der Wirtschaft der Hauptstadt.

Kultur und Konsum
Chen Dong, Vizedirektor der Propagandaabteilung des städtischen Parteikomitees, zählt mehrere Vorteile auf, die Beijing im kreativen Geschäft auszeichnen.
Da sei zuerst einmal Beijings langjährige Funktion als politisches und kulturelles Zentrum. Die Stadt sei jahrtausendealt und diene schon seit 800 Jahren als Hauptstadt für verschiedene Dynastien. Außerdem werde sie seit längerer Zeit immer internationaler.
Zweitens sei Beijing im Zentrum des nationalen kulturellen Marktes und verfüge über ein hohes Konsumpotential, das die Entwicklung der kreativen Industrie vorantreibe. Diese Entwicklung sei eine Folge der erhöhten Vielfalt des kulturellen Lebens und einer allgemeinen Veränderung der Konsumstruktur. 2005 überstieg das Bruttosozialprodukt 5000 US-Dollar, und 2006 waren es mehr als 6000. Das wirkte sich auf die Konsumstruktur im Stadtgebiet und in der Umgebung aus. 2006 betrugen die Ausgaben eines Stadtbewohners für Bildung, Kultur und Erholung durchschnittlich 2515 Yuan, das sind 17 Prozent der Gesamtausgaben, und 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Durch die vermehrte Nachfrage gebe es immer mehr kreative Software- und Internetanwendungen, mehr Kunsttransaktionen, mehr Tourismus- und Erholungsideen.
Drittens verfüge Beijing über reichhaltige kulturelle Ressourcen. Die Hauptstadt habe ein komplettes Kulturangebot und eine große Verlagslandschaft. Die Film- und Fernsehproduktion betrage über 50 Prozent der landesweiten Produktion. Von 3322 registrierten historischen Kulturstätten stehen sechs auf der Weltkulturliste der UNESCO. Bereits 2006 wurden in Beijing 133 Museen, 77 Universitäten und Hochschulen sowie 353 Forschungsinstitute gezählt.
Viertens habe Beijing 30 Jahre von einer Politik der Reform und Öffnung profitiert und habe dadurch eine solide Basis für die creative Entwicklung geschaffen.
“Beijing ist das nationale Zentrum für Politik und Kultur, dadurch sind die Bedingungen für die Entwicklung einer Kultur- und Kreativindustrie besser als in jeder anderen Stadt des Landes”, sagt Prof. Chen Shaofeng, Vizedirektor des „Cultural Industry Institute“ an der Peking-Universität. “Unsere kulturelle Produktion sollte mindestens das doppelte der Produktion an jedem anderen Ort wert sein.”

Kultivierung und Cash

Im April 2006 gründete die Stadtverwaltung eine Arbeitsgruppe für die Entwicklung der kreativen Industrie. Sie sollte eine unterstützende Plattform bilden, Strategien formulieren, Maßnahmen ausarbeiten und große Projekte und Investitionen koordinieren. Außerdem gab sie die Richtlinien vor, nach denen alle Bezirke und Kreise eigene Arbeitsgruppen bildeten. Innerhalb des elften Fünfjahresplans wurden eine Serie von Entwicklungsplänen und Maßnahmen institutiert. Außerdem wurden umfassende Hinweise und Regeln für Investitionen in die Kultur- und Kreativindustrie verkündet.
Der 2006 gegründete städtische Kreativ-Entwicklungsfonds erhält jährlich 500 Millionen Yuan an Steuergeldern. Außerdem wurde zur gleichen Zeit ein auf drei Jahre begrenzter Fonds mit 500 Millionen Yuan für entsprechende Infrastrukturprojekte gebildet. Außerdem gibt es seit 2007 weitere Maßnahmen, die finanzielle Unterstützung für die creative Industrie bieten.
2006 war auch das erste Jahr für die “China Beijing International Cultural & Creative Industry Expo”. Diese Messe hat Schlüsselprojekte vorgestellt, Informationsaustausch ermöglicht, Vertragsabschlüsse beschleunigt und eine Plattform für kulturelle Geschäfte innerhalb und außerhalb Chinas geboten. Die beiden letzten Kreativ-Messen resultierten in 404 Verträgen mit einem Investitions- und Handelsvolumen von 7,59 Milliarden US-Dollar.
Gleichzeitig wurde der Ausbau von kulturellen und kreativen Produktions- und Versammlungskomplexen begonnen. In der Periode des 11. Fünfjahresplans (2006-2010) will man in Beijing 30 solche Komplexe errichten. Heute gibt es bereits 21 von der Stadtverwaltung anerkannte Komplexe, unter den bekanntesten Beispielen sind die Kunstzone 798 und das Künstlerdorf von Songzhuang.

Der Boom in Beijings Kultur- und Kreativindustrie wirkt sich natürlich auf ganz China aus. In seinem Buch “The Creative Economy” gibt der Wirtschaftswissenschaftler John Howkins den globalen Kreativ-Umsatz mit 22 Milliarden US-Dollar an. China produziert und verteilt heute jedes Jahr ein größeres Stück dieses weltweit wachsenden Kuchens..